lt. Süddeutsche Zeitung vom 11.05.18

Was Katzen wollen sollen

Was Katzenfutter "Mit viel Soße" mit dem Tenorsaxophonisten Kamasi Washington zu tun hat

Kolumne von Oliver Hochkeppel


Erinnern Sie sich noch an den alten Werbespruch "Katzen würden Whiskas kaufen"? Er stammt aus der Zeit, in der ich mit Katzen aufgewachsen bin und in der es außer besagten Dosen kaum anderes Futter zu kaufen gab. Dann hatte ich aus verschiedenen Gründen 20 Jahre lang keine Katzen mehr. Seit gut einem Jahr dürfen wir jetzt wieder das Revier von zwei Stubentigern mitbewohnen - und diesem Umstand verdanke ich die Erkenntnis, dass Hegel doch Recht hat mit dem ewigen Fortschritt unserer wunderbaren Welt.

Denn heute kann man aus hunderten von Katzenfuttern in Döschen und Tütchen wählen, und da steht nicht mehr nur "Huhn", "Rind" oder "Fisch" drauf, sondern "Fleischstückchen mit Huhn & Reis plus Vollwertflakes" (von der Marke "Schmusy Nature"), "Tendre Effilés à l'Agneau en Gelée" (mit dem Zusatz: "So gut, wie es aussieht") oder "Tonno con Ginseng". Bei einer Marke prangt jetzt auf allen Tüten der Schriftzug: "Mit viel Soße". Vielleicht als Ausgleich zum "Trockenfutter-Shuttle", in dem sich "getreidefreies Trockenfutter für Allergiker-Katzen, die sich optimal ernähren wollen", befindet.

Ein gewisses Problem dabei ist, dass Katzen sich partout nicht optimal ernähren wollen und ihr Futter immer noch nicht selber kaufen. Zumindest meine sind blöderweise immer noch so konditioniert, dass sie am liebsten Mäuse und Vögel am Stück runterwürgen würden (Katzen sind bekanntlich Schlinger). Ganz ohne Soße. Die ganze Werbemaschinerie (samt den betörenden Aromen, die den Fleischabfall so toll riechen lassen) wird also nicht für den Endverbraucher angeworfen, sondern für den, der das Zeug kaufen soll.

Was mich, zugegeben ein harter Schnitt, an Kamasi Washington (18. Mai, Neue Theaterfabrik) denken lässt. Ist der Saxofonist aus L.A. doch seit seinem Monsterwerk "The Epic" vor drei Jahren mit so viel Kritiker-"Soße" übergossen worden, dass er jetzt allüberall als Gallionsfigur und Retter des Jazz dasteht. Ich schließe mich da eher unserem musikaffinen, aber nüchternen Chefredakteur an, der ihn für "überschätzt" hält. Denn anders als so viele junge Europäer, die wirklich völlig neue Wege gehen, betreibt Washington eher Jazz-Recycling - das freilich auch dank der Ausnahme-Musiker seines "Get Down"-Kollektivs auf allerhöchstem Niveau. In viel Streicher- und Orchester-Soße hat Gregory Porter zumindest im Studio seine Hommage an Nat King Cole getunkt, was einen der größten Jazzpianisten aller Zeiten vom Schlagersänger übertönen lässt. Live (23. Mai, Philharmonie) soll der bärenstarke Sänger das aber wettmachen, hört man. Eher trocken ist der Brocken, den der österreichische Kultgitarrist Karl Ratzer serviert (12. Mai, Unterfahrt). Trotzdem alles andere als Katzenmusik.